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Einstige Leineweber
verstehen sich aufs Feiern
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Von
Ilse-Ruth Malkowski WIERSHAUSEN-
Christian Heinrich Schilling, von 1789 bis 1800 Pastor an der
St.-Petri-Kirche, entwarf von den Wiershäusern ein Bild: "Die
hiesigen Einwohner sind außerordentlich betriebsam und suchen auf
allerlei Art Nahrungszweige. Man
spinnt, man webt, man geht zu Münden in Taglohn.
Man versieht die Handelsgewölbe, wie aus den Listen der königlichen
Leggen erhellt, mit viel tausend Schock Leinewand - teils weiß, teils
grieß." Der Wiershäuser ist in den Augen Schillings "fleißig
in Rücksicht auf seinen Beruf -Vorzüglich wird hier die
Leineweberprofession mit aller Gewalt betrieben. Es gibt Familien, die gegen hundert Schock Leinewand weben
und bleichen." Der Flachs wurde auf den umliegenden Feldern selbst
angebaut und zum Spinnen und Weben fertig zubereitet -Auf den Bleichwiesen
entstand aus dem fertigen Leinen unter sachkundigen Händen schönes weißes
Linnen. 1849 legte sich die Webergilde von Wiershausen sogar eine eigene
Fahne zu. Bis 1944 hing sie
im ehemaligen Dorfmuseurn, einem Klassenraum der alten Schule.
Dann fiel sie zu Kriegsende der Spinnstoffsammlung zum Opfer. Auch
der Titel Königl. Leggemeister taucht in den alten Schriften über die
Leineweberei in Wieshausen öfter auf. Seine Aufgabe war es, auf gute
Qualität und genaue Maße zu achten. Die von Pastor Schilling
festgestellte Betriebsamkeit der Wiershäuser ist bis heute erhalten
geblieben. Man braucht nur durchs
Dorf zu gehen und die gepflegten Häuser und Gärten zu betrachten.
Hier sind fleißige Hände und Schönheitssinn am Werk. Wenn
es auch das Leineweberhandwerk nun schon seit 10 Jahren nicht mehr gibt,
dafür hat sich eine Reihe von mittelständischen Handwerksbetrieben
angesiedelt. Ein Vollerwerbs-
und einige Nebenerwerbsbetriebe widmen sich der Landwirtschaft.
Sogar einige Geschäfte, eine Zweigstelle der Volksbank und die
Gastwirtschaft "Zum Krug im grünen Kranze" beherbergt der
kleine Ort. Zwar arbeiten die meisten Dorfbewohner in den benachbarten
Städten, aber gelebt wird in Wiershausen.
Ein reges Vereinswesen unterstreicht das Interesse und den Zusammenhalt
der Menschen, wenn es um ihr Dorf geht.
Ob im Sport-, Feuerwehr-, Schützen-, Gesangs- oder Heimatverein,
ob beim DRK, den T'raktor- und Motorrad-Oldtimer-Freunden, bei den
Landfrauen, in der Spinnstube, bei den Müttern und Krabbelkindern, im
Senioren-, Männer und Frauenkreis, bei den Spellhofkomödianten
oder den Jugendgruppen. Es
soll Wiershäuser geben, die in sechs Vereinen gleichzeitig aktiv
sind. So muss der Heimatverein auch nicht lange bitten, wenn es um die Verschönerung des Dorfes geht. Für die Pflege der öffentlichen Anlagen haben Vereine die Patenschaft übernommen. Sporthaus, Tennisplatz, Feuerwehrgerätehaus und vieles mehr werden von den Vereinsmitgliedern verantwortungsvoll instand gehalten. Aber in Wiershausen wird nicht nur gemeinsam gearbeitet, sondern auch gefeiert. Neben den alljährlichen wiederkehrenden Festlichkeiten hat sich hier eine Tradition gerade in den letzten 60 Jahren besonders entwickeln können: Das Grenzgangfest. Als Katasterämter noch unbekannt waren, musste durch regelmäßige Grenzbegehungen sichergestellt werden, dass die Grenzsteine noch an Ort und Stelle stehen. 140 davon sind rings um Wiershausen zu finden. Was ehemals ein notwendiges Übel war, wurde später zu einem großen Volksfest. Das erste dieser Art soll 1875 begangen worden sein. 1935 wollte man dann nach 60-jähriger Pause die festliche Tradition wieder aufleben lassen. Der damals am Ziegenbusch aufgestellte Stein ist verschwunden, wie auch das 1000jährige Reich mit seinen anmaßenden und Unheil bringenden Plänen. Ehe wieder ans Feiern gedacht werden konnte, mussten die Menschen erst Schrecken, Trauer und Not der Kriegsund Nachkriegsjahre überwinden. 1950 erinnerten sich die Wiershäuser dann doch wieder an ihre alten Bräuche. So wurde beim Heimatfest zum 960-jährigigen Dorfbestehen auch das Grenzgangfest ins Programm aufgenommen. Der Gemeinderat beschloss und die Dorfbewohner schritten zur Tat. Ein Festausschuss wurde gebildet, der Termin fiel auf den 9.,10. und 11. September 1950. Das ganze Dorf war Feuer und Flamme. Noch heute ist der historische Festumzug in bester Erinnerung. Seither hat sich das Grenzgangfest in Wiershausen zu einer allseits beliebten Tradition entwickelt. Alle zehn Jahre wird mit viel Elan die Organisation des Festes in Angriff genommen. So manche Stunde tagt, berät und organisiert dann der Wiershäuser Festausschuss, damit jede dieser Veranstaltungen zum Höhepunkt gerät. Sechs
große und schöne Steine erinnern bereits an die Grenzgangfeste seit
1950. Anlässlich der 1000Jahr-Feier wurde der Stein 1990 am Hohlen
Weg zu Lippoldshausen aufgestellt. Der Stein 2000 am Europaweg 6, in der
Nähe des Jagdhauses Heede, wurde beim letzten Grenzgangfest enthüllt.
Heinz Böddener hat den zehn Zentner schweren Koloss fachmännisch
behauen und verziert. Die
sechs Jubiläumssteine sowie die alten Grenzsteine werden bei den Grenzbegehungen
versteigert. Wer glücklich
bei einem oder mehreren dieser Kleinode die Mitbewerber ausboten konnte,
übernimmt die Verantwortung für ihr Platzhalterfunktion und ihre
Pflege während der nächsten zehn Jahre. Zwei Tage dauert die Wanderung
entlang der Wiershäuser Flurgrenze.
Extra für diesen Anlass ernannte Persönlichkeiten sorgen dabei
für Ordnung, Sicherheit und Wohlergehen, wie der Dorfpolizist in Uniform,
Pickelhaube und Säbel und der Medicus mit Medizinflasche. Wer trotzdem
Schwierigkeiten hat, sich den strengen Festregeln zu fügen, kommt
gnadenlos vor's Grenzgericht - Ehre und Schmach zugleich für jeden
Grenzgangsünder. Disko,
Festkommers, historischer Markt, bunte Unterhaltung im Festzelt - alle
zehn Jahre nimmt in Wiershausen das Feiern vier Tage lang kein Ende.
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