Einstige Leineweber verstehen sich aufs Feiern
In Wiershausen findet der Heimatverein immer Freiwillige für Aktionen zur Dorfverschönerung

(Artikel und Bilder von der HNA v. 30.08.2003)



Dorfansicht: Umrahmt von Fachwerkhäusern erhebt sich die 
St.-Petri-Kirche in der Mitte des Dorfes.

 

Von Ilse-Ruth Malkowski

 WIERSHAUSEN- Christian Heinrich Schilling, von 1789 bis 1800 Pastor an der St.-Petri-Kirche, entwarf von den Wiershäusern ein Bild: "Die hiesigen Einwohner sind außerordentlich betriebsam und suchen auf allerlei Art Nahrungszweige.  Man spinnt, man webt, man geht zu Münden in Taglohn.  Man versieht die Handelsgewölbe, wie aus den Listen der königlichen Leggen erhellt, mit viel tausend Schock Leinewand - teils weiß, teils grieß." Der Wiershäuser ist in den Augen Schillings "fleißig in Rücksicht auf seinen Beruf -Vorzüglich wird hier die Leineweberprofession mit aller Gewalt betrieben.  Es gibt Familien, die gegen hundert Schock Leinewand weben und bleichen." Der Flachs wurde auf den umliegenden Feldern selbst angebaut und zum Spinnen und Weben fertig zubereitet -Auf den Bleichwiesen entstand aus dem fertigen Leinen unter sachkundigen Händen schönes weißes Linnen. 1849 legte sich die Webergilde von Wiershausen sogar eine eigene Fahne zu.  Bis 1944 hing sie im ehemaligen Dorfmuseurn, einem Klassenraum der alten Schule.  Dann fiel sie zu Kriegsende der Spinnstoffsammlung zum Opfer.

Auch der Titel Königl. Leggemeister taucht in den alten Schriften über die Leineweberei in Wieshausen öfter auf. Seine Aufgabe war es, auf gute Qualität und genaue Maße zu achten. Die von Pastor Schilling festgestellte Betriebsamkeit der Wiershäuser ist bis heute erhalten geblieben. Man braucht nur durchs Dorf zu gehen und die gepflegten Häuser und Gärten zu betrachten. Hier sind fleißige Hände und Schönheitssinn am Werk.

Wenn es auch das Leineweberhandwerk nun schon seit 10 Jahren nicht mehr gibt, dafür hat sich eine Reihe von mittelständischen Handwerksbetrieben angesiedelt.  Ein Vollerwerbs- und einige Nebenerwerbsbetriebe widmen sich der Landwirtschaft.  Sogar einige Geschäfte, eine Zweigstelle der Volksbank und die Gastwirtschaft "Zum Krug im grünen Kranze" beherbergt der kleine Ort. Zwar arbeiten die meisten Dorfbewohner in den benachbarten Städten, aber gelebt wird in Wiershausen.  Ein reges Vereinswesen unterstreicht das Interesse und den Zusammenhalt der Menschen, wenn es um ihr Dorf geht.  Ob im Sport-, Feuerwehr-, Schützen-, Gesangs- oder Heimatverein, ob beim DRK, den T'raktor- und Motorrad-Oldtimer-Freunden, bei den Landfrauen, in der Spinnstube, bei den Müttern und Krabbelkindern, im Senioren-, Männer ­und Frauenkreis, bei den Spellhofkomödianten oder den Jugendgruppen.  Es soll Wiershäuser geben, die in sechs Vereinen gleichzeitig ak­tiv sind.

So muss der Heimatverein auch nicht lange bitten, wenn es um die Verschönerung des Dorfes geht.  Für die Pflege der öffentlichen Anlagen haben Vereine die Patenschaft übernommen. Sporthaus, Tennisplatz, Feuerwehrgerätehaus und vieles mehr werden von den Vereinsmitgliedern verantwortungsvoll instand gehalten. Aber in Wiershausen wird nicht nur gemeinsam gearbeitet, sondern auch gefeiert. Neben den alljährlichen wiederkehrenden Festlichkeiten hat sich hier eine Tradition gerade in den letzten 60 Jahren besonders entwickeln können: 

Das Grenzgangfest. Als Katasterämter noch unbekannt waren, musste durch regelmäßige Grenzbegehungen sichergestellt werden, dass die Grenzsteine noch an Ort und Stelle stehen. 140 davon sind rings um Wiershausen zu finden.  Was ehemals ein notwendiges Übel war, wurde später zu einem großen Volksfest.  Das erste dieser Art soll 1875 begangen worden sein. 1935 wollte man dann nach 60-jähriger Pause die festliche Tradition wieder aufleben lassen.  Der damals am Ziegenbusch aufgestellte Stein ist verschwunden, wie auch das 1000jährige Reich mit seinen anmaßenden und Unheil bringenden Plänen.  Ehe wieder ans Feiern gedacht werden konnte, mussten die Menschen erst Schrecken, Trauer und Not der Kriegs­und Nachkriegsjahre überwinden. 

1950 erinnerten sich die Wiershäuser dann doch wieder an ihre alten Bräuche.  So wurde beim Heimatfest zum 960-jährigigen Dorfbestehen auch das Grenzgangfest ins Programm aufgenommen.  Der Gemeinderat beschloss und die Dorfbewohner schritten zur Tat.  Ein Festausschuss wurde gebildet, der Termin fiel auf den 9.,10. und 11.  September 1950.  Das ganze Dorf war Feuer und Flamme.  Noch heute ist der historische Festumzug in bester Erinnerung.  Seither hat sich das Grenzgangfest in Wiershausen zu einer allseits beliebten Tradition entwickelt.  Alle zehn Jahre wird mit viel Elan die Organisation des Festes in Angriff genommen. So manche Stunde tagt, berät und organisiert dann der Wiershäuser Festausschuss, damit jede dieser Veranstaltungen zum Höhepunkt gerät.  

Sechs große und schöne Steine erinnern bereits an die Grenzgangfeste seit 1950. Anlässlich der 1000­Jahr-Feier wurde der Stein 1990 am Hohlen Weg zu Lippoldshausen aufgestellt. Der Stein 2000 am Europaweg 6, in der Nähe des Jagdhauses Heede, wurde beim letzten Grenzgangfest enthüllt.  Heinz Böddener hat den zehn Zentner schweren Koloss fachmännisch behauen und verziert.  Die sechs Jubiläumssteine sowie die alten Grenzsteine werden bei den Grenzbegehungen versteigert.  Wer glücklich bei einem oder mehreren dieser Kleinode die Mitbewerber ausboten konnte, übernimmt die Verantwortung für ihr Platzhalterfunktion und ihre Pflege während der nächsten zehn Jahre. Zwei Tage dauert die Wanderung entlang der Wiershäuser Flurgrenze.  Extra für diesen Anlass ernannte Persönlichkeiten sorgen dabei für Ordnung, Sicherheit und Wohlergehen, wie der Dorfpolizist in Uniform, Pickelhaube und Säbel und der Medicus mit Medizinflasche. Wer trotzdem Schwierigkeiten hat, sich den strengen Festregeln zu fügen, kommt gnadenlos vor's Grenzgericht - Ehre und Schmach zugleich für jeden Grenzgangsünder.  Disko, Festkommers, historischer Markt, bunte Unterhaltung im Festzelt - alle zehn Jahre nimmt in Wiershausen das Feiern vier Tage lang kein Ende. 

 



Postkarten aus Wiershausen: Je 750 von diesen beiden 
Postkarten gibt es. In der Heimatstube und bei 
Ortsheimatpfleger
Rolf Zuber kann man sie erwerben.

 



Seltene Feldpflanze: Der Wiershäuser Boden war wie geschaffen 
für den Flachsanbau. Zur 1000-Jahr-Feier wurde die Pflanze zur 
Erinnerung an das Leineweberhandwerk noch einmal angebaut. 

 

 

 

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