Ferdinand zog es in die weite Welt
(Artikel und Bilder von der HNA v. 10.08.2003)



Pionierarbeit: Schon früh stieg Ferdinand Kraft in den Handel 
mit Fahrzeugen und Maschinen ein.

 

Das aufregende und gefährliche Leben eines Wiershäuser Jungen

 Von Lorenz Grugel

 HANN.  MÜNDEN.  Im Bücherregal der Kasseler Ärztin Dr. Eva Nonn steht in Leinen gebunden ein 250-Seiten-Werk: Die Geschichten ihres Urgroßvaters Ferdinand Kraft.  Die Aufzeichnungen des gebürtigen Wiershäusers finden inzwischen in der vierten Generation ihre Leser.  Der Grund dafür dürfte nicht nur in der humorvollen Schilderung unzähliger Ereignisse eines Lebens zwischen 1872 und 1943 liegen.  Der Lebenslauf schildert zugleich Arbeitsbedingungen in verschiedenen Branchen und bezeugt ein Leben voller Tatkraft trotz vielfältiger Widrigkeiten.

 



Familienfoto: Zwei Mädchen und zwei Jungen waren dem Ehepaar 
Ferdinand und Marie Kraft (geborene Meisser) beschert.

Dabei lesen sich die Jugenderinnerungen wie Lausbubengeschichten bei Ludwig Thoma.  Vor dem Konfirmandenunterricht malt Ferdinand die Nase einer Lippoldshäuser Mitschülerin mit roter Tusche an. Auf dem Mühlenteich springt er auf gefrorene Eisschollen und stürzt ins Wasser.  Eine Fahrt mit dem örtlichen Müllergesellen nach Hann. Münden endet im Alkoholrausch, das gewagte Klauen von Kirschen mit einer Tracht Prügel.

Dieses Jugendleben liegt erst 120 Jahre zurück.  Aber es mutet schon fremd an.  Kinder laufen da sommers wie winters in groben Leinenhemden umher.  Im Herbst sind die Tage auch für die Kleinen der Ernte und die Nächte dem Dreschen vorbehalten.  Selbst Krankheit durfte den Betrieb nicht aufhalten: Hatte ein Kind Masern, legte man die gesunden Geschwister gleich mit ins Krankenbett, in der Hoffnung, sie möchten sich anstecken und könnten so gleich alle zusammen kuriert werden.

Der Bauernjunge und Sohn eines Bahnbeamten aber lässt sich in seinem Leben durch nichts beirren und bleibt sich immer treu.  Gegen die Arbeit in einer Mündener Schmirgelfabrik setzt sich Ferdinand ebenso zur Wehr wie gegen das Viehfüttern in der Landwirtschaft: Er will Schlosser werden und  geht in Münden in die Lehre.  Zu vergleichsweise harmlosen Ereignissen - nach einer Geburtstagsfeier stürzt ihm und seinen Kollegen ein Jauchefass von der Fuldabrücke - gesellen sich ernste: Ferdinand dreht das Ventil einer Bandsäge auf und die Maschine fliegt auseinander.  Am Schraubstock verbrennt er sich gefährlich die Hand und erhält obendrein vom Meister dafür eine Ohrfeige.  Der Unglückliche wechselt die Lehrstelle und schließt seine Ausbildung 1890 in Göttingen ab.

 "Bevor der letzte Pfennig abends nicht durch die Kehle geflossen war, war keine Ruhe. " Dieses Leitmotiv war ein Grund, weshalb der junge Schlossergeselle seine Wanderschaft zwischen Kassel, Frankfurt, Köln und Hannover schnell beendete.  Auch das Milität verließ Ferdinand nach kurzer Zeit voller Freude wegen ärztlich attestierter Kurzsichtigkeit.

Sein Leben aber packte der junge Handwerker weitsichtig an. Zunächst bei Henschel in Kassel und dann in Berlin zeigte er sich beim Lokomotivbau hart im Nehmen: 

Ferdinand Kraft über eine seiner frühen Grenzfahrten mit den ersten Automobilen.
"Durch die Hast wurde des öfteren mit dem Hammer anstatt auf den Meißel auf die Hand geschlagen.  Die Hand fuhr dabei in das Blech und wir sahen aus, als ob wir Kopfschlächter im Schlachthaus waren."

Trotz guter Verdienste zog es Ferdinand nach Elsaß­Lothringen.  In einem beispiellosen Arbeitsmarathon wirkte der Schlosser im dortigen Aumetz 26 Jahre lang im Bergbau, im Kinogeschäft, im Handel mit Zugmaschinen und selbst als Bürgermeister der Grenzstadt.  Ein schweres Asthmaleiden ließ ihn lediglich die Branche wechseln.  Mit seiner Ehefrau Marie baute sich der gebürtige Wiershäuser ein Gasthaus samt Kino und Tanzsaal auf.  Selbst ein Gefängnisaufenthalt ohne irgendeine Schuld und die Ausweisung in den Kriegswirren nach dem Ersten Weltkrieg konnten dem gebürtigen Wiershäuser nicht unterkriegen: Die Familie Kraft zog zurück in die Heimat und Ferdinand baute in Kassel Ende der 20er Jahre die Feka-Werke auf, ein Spezialproduzent von Kippfahrzeugen - aus dem Betrieb schied er erst mit seinem Tod im Alter von 71 Jahren aus. 

 

Erinnerung: Die Wiershäuser Straße Auf dem Eichhof 
war Ferdinand Kraft in seiner Jugend wohl vertraut.

 

Und heute: Asphalt und Autos prägen heute den Eichhof mit 

 

Zitat

"Bis Audun le Roman ging alles gut, weil die Straße bergab ging. Nun kam eine

Steigung und hier mußte mitgeschoben werden.  Da das Auspuffrohr fehlte, knallte der Auspuff mit einer Feuersäule in die Nacht hinein, und die Bewohner waren aus dem Schlaf erwacht und standen an den Fenstern.  Die französischen Grenzaufseher sprangen an der Grenze auf die Seite und wir fuhren mit ungeheurem Lärm über die Grenze.  Die deutschen Aufseher standen ebenfalls mit ihren Gewehren auf der Straße, aber auch sie gingen auf die Seite, kamen uns aber im Laufschritt noch bis vor meine Wohnung.  Da wir nichts Zollpflichtiges hatten, war auch für sie die Angelegenheit erledigt."

 

 

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